Baum des Jahres 2022

Die Rot-Buche (Fagus sylvatica L.). Von Franziska Hoehl.

Schon einmal, 1990, wurde die Rot-Buche (Fagus sylvatica L.) in Deutschland zum „Baum des Jahres“ auserkoren. Außerdem wurde sie 2014 als solcher in Österreich ausgerufen.

Der Klimawandel, der sich in unseren Breiten mit zunehmender Trockenheit, z. T. extremer Hitze in den Sommermonaten und allgemein höheren Temperaturen im Jahreslauf bemerkbar macht, hat für die Rot-Buche, deren Hauptvorkommen in Mitteleuropa liegt, dramatische Folgen. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass die Rot-Buche dieses Jahr erneut zum Baum des Jahres gewählt wurde, um sie und ihren Lebensraum erneut in den Fokus des Naturschutzinteresses zu stellen.

Bei den in Mitteleuropa vorherrschenden Klima- und Bodenverhältnissen wären – ohne den Eingriff des Menschen – 90 % der Fläche Mitteleuropas von Wald bedeckt (Hofmann et al. 2000). Dabei wären die Rot-Buche und die Stiel-Eiche (Quercus robur L.) in vielen Gebieten die dominierenden Laubbäume. Aufgrund ihrer hohen Konkurrenzkraft gegenüber anderen Baumarten ist die Rot-Buche allen übrigen in Mitteleuropa heimischen Gehölzen auf stark sauren bis kalkreichen / basischen und mäßig feuchten bis mäßig trockenen Böden überlegen.

 

Fagus sylvatica ist in der Lage ein dichtes Kronendach auszubilden, so dass sich ihre schattentoleranten Sämlinge und Jungpflanzen dort gut entwickeln können. Licht- oder Halbschattenbaumarten, wie z. B. Eichen, Lärchen oder Kiefern, reichen diese minimalen Beleuchtungsstärken zum Wachsen und Gedeihen allerdings nicht aus und werden so auskonkurriert. Zudem ist die Rot-Buche mit ihrem Höhenwuchs anderen Arten gegenüber klar überlegen. Ihr tief reichendes System feiner, dichter Wurzeln verschafft ihr selbst auf nährstoffarmen Standorten eine – im Vergleich zu anderen Baumarten – ausreichende und effiziente Versorgung mit Wasser und den darin gelösten Nährsalzen. So konkurrenzstark die Rot-Buche hinsichtlich Beschattung, Lebensdauer, Höhenwuchs und Nährstoffversorgung auch ist, so empfindlich reagiert sie jedoch auf Kälte, Spätfröste, Trockenheit und (wechselnde) Wasserverfügbarkeit.

So setzen sich bei Trockenheit und Nässe mehr und mehr Eichen-Arten (Eichen-Mischwälder) und (Wald-)Kiefern durch. Bei Spätfrösten ist die Berg-Ulme (Ulmus glabra Huds.) im Vergleich zur Rot-Buche deutlich resistenter. Die Tanne (Abies alba Mill.), als ähnlich schattentoleranter Baum, kann sich gegenüber der Rot-Buche in den Höhenlagen durchsetzten, in denen die Vegetationsperiode weniger als fünf Monate beträgt. Auch Gemeine Esche (Fraxinus excelsior L.), verschiedene Ahorn-Arten wie z. B. der Berg-Ahorn (Acer pseudoplatanus L.), aber auch Linden können sich – je nach standörtlichen Bodenverhältnissen und Nährstoffverfügbarkeiten – neben der Rot-Buche behaupten und damit im Bestand vereinzelt vorkommen. Betrachtet man nun zusammenfassend das  ökologische Spektrum und die damit einhergehende natürliche Verbreitung der Rot-Buche, so wird verständlich, warum ihr die Hitze und Trockenheit der letzten Jahre so sehr zusetzten und auch weiterhin werden.

 

Dies kann man z. B. im Potsdamer Park Sanssouci eindrucksvoll sehen. In den letzten Jahren sind viele der dort vorkommenden Buchen-Altbäume umgestürzt oder mussten gefällt werden. Bei einigen Exemplaren kann man deutlich den sogenannten „Sonnenbrand“ erkennen.

Von verschiedenen Fagus-Arten geprägte Buchenwälder treten in den gemäßigten Teilen Amerikas, Ostasiens und Europas auf (Meusel et al. 1965). In Europa sind diese von der Rot-Buche geprägt. [...] Mitteleuropa liegt zugleich im Kernbereich des Rot-Buchen-Areals. 

 

In Deutschland liegen ausgedehnte natürliche Buchenwälder im südniedersächsischen und nordhessischen Bergland vor, weiterhin in der Eifel, im Pfälzer Wald und im Saarland. Im Südwesten Deutschlands, genauer in der Schwäbische Alb, im westlichen Bodenseegebiet und im Südwest-Schwarzwald ist die Rot-Buche verbreitet, ebenso im Bereich der küstennahen baltischen Jungmoräne. Brandenburg mit seinem v. a. im Südteil stärker kontinental geprägten Klima ist zumindest dort weitgehend buchenfrei und durch die eher subkontinental verbreiteten Kiefer-Eichen-Bestände geprägt. Der Nordteil des Bundeslandes, inklusive Teilen Mittelbrandenburgs, sowie des Flämings gehören nach Heinken (2007) jedoch zum Areal der potentiell natürlichen Buchen- und Buchenmischwälder in Deutschland. Die z. T. in den letzten 20 Jahren zu beobachtende Naturverjüngung durch Rot-Buchen in Mittelbrandenburg verdeutlicht dies eindrucksvoll.

 

[...] Mit den vielfältigen klimatischen Bedingungen (Höhenstufen, Temperatur, Niederschläge) und den unterschiedlichen edaphischen Verhältnissen geht eine große Variabilität in der Artenzusammensetzung dieser Wälder einher. Alle Typen werden in der Klasse der sommergrünen Buchen- und Eichen-Wälder Europas (Querco-Fagetea) zusammengefasst. [...]


Was ist darüber hinaus wissenswert?

 

Die Krautschicht in den Buchenwäldern zeigt deutliche Anpassungen an die geringen Lichtverhältnisse im Sommerhalbjahr: Geophyten-Frühblüher, wie z. B. das Busch-Windröschen (Anemone nemorosa L.), treiben schnell aus, wachsen, blühen und fruchten rasch und sind dann mit allem Lebensnotwendigem fertig, bevor sich das Blätterdach der Rot-Buchen schließt.

 

Bitte nicht verwechseln mit der Hainbuche (Carpinus betulus L.) aus der Familie der Birkengewächse (Betulaceae, früher Haselgewächse – Corylaceae), denn die Rot-Buche gehört zur Familie der Buchengewächsen (Fagaceae). Am deutlichsten wird der Unterschied, wenn man die Blüten und die sich daraus entwickelnden Früchte vergleicht.

 

Es wird angenommen, dass Johannes Gutenberg (*1397 in Mainz - † 1468 in Mainz) für seine ersten Versuche in der Buchdruckerkunst die Originalletter aus Buchenholz schnitzte.

In der Holzindustrie ist das Buchenholz beliebt für Möbel, Parkettböden, Eisenbahnschwellen, für Sperrholzherstellung und allgemein als Bauholz.

 

Nach dem Keltischen Baumkreis schreibt man den Menschen, die am Wendepunkt des Sonnenjahres, am 22. Dezember, geboren sind bzw. werden, ähnliche Eigenschaften zu, wie sie die Rot-Buche in ihrem Leben zeigt: geduldig wartend, lange im Hintergrund „Großer“ bleibend. Zum rechten Zeitpunkt treten sie aus dem Schatten dieser hervor und werden dann selbst eine bedeutende Persönlichkeit.

 

 

Die Rot-Buche ist nicht die Buche mit den weinroten bis schwarz-roten Blättern, die in Parkanlagen oft zu sehen ist. Es handelt sich

dabei um die sogenannte Blutbuche, eine kultivierte Varietät der Rot-Buche (Fagus sylvatica L.).


In Schweden und England legt man an Weihnachten einen großen, mächtigen (Buchenholz)Kloben ins Kaminfeuer („mythologischer Buchenscheit“). Die Asche wird dann segenbringend auf die Felder gestreut und soll im neuen Jahr fruchtbaren Boden und eine reiche Ernte bringen.

Schenken Sie diesen anmutigen Riesen also nicht nur in diesem Jahr Ihre Aufmerksamkeit! Es lohnt sich!

Bildnachweis: Buchenwald, Helge May; alle weiteren Fotos: Knospen Rot-Buche, 2 x männl. Blüten Rot-Buche, Sonnenbrand Stamm Rot-Buche, Rinde Rot-Buche, Früchte & Capulae Rotbuche, Krautschicht Anemone nemorosa L., männl. Blütenstand Hainbuche, Blutbuche von NABU/Franziska Hoehl.