Pilz des Jahres 2022

Der Fliegenpilz – Glückssymbol, Giftpilz, Droge. Von Wolfgang Bivour.

Der Fliegenpilz ist wohl der bei uns bekannteste und populärste Pilz überhaupt. Jedes Kind kennt ihn. Ob nun in dem alten Kinderlied besungen oder als beliebtes Glückssymbol verwendet – er ist einfach allgegenwärtig, als Glückwunschkarte und Sparbüchse, in Kinderbüchern als Pilzhäuschen oder als Rauchverzehrer für Kitschfreunde, als Pralinenverpackung oder als gekochte halbe Eier mit rotem Tomatenhut und Mayonnaisepunkten.

 

Obwohl als Glückssymbol bekannt, weiß aber auch jedes Kind, dass der Fliegenpilz giftig ist. Ein seltsamer Widerspruch? Nicht unbedingt, denn die positive Belegung des Fliegenpilzes wurzelt offenbar in der Tatsache, dass er vermutlich seit Jahrtausenden als Rauschdroge verwendet wird. Bei nordsibirischen Völkern soll der Fliegenpilzkonsum noch vor 100 Jahren vor allem bei rituellen Handlungen weit verbreitet gewesen sein. Für einen Rausch tauschte man auch schon mal ein Rentier gegen eine Pilzportion. Und man war nicht verschwenderisch: Der berauschende Stoff erscheint immer wieder im Urin. 


So ließ sich die Wirkung durch mehrfaches Trinken des Urins erheblich verlängern! Vor Nachahmung sei allerdings gewarnt! Denn neben den einem Alkoholrausch ähnlichen Symptomen kann es auch zu Wutausbrüchen, Selbstgefährdung und Halluzinationen sowie zu Verzerrungen des Persönlichkeitsgefühls kommen.

 

Vielleicht ist der Fliegenpilz gar nicht so giftig wie es allgemein dargestellt wird? Zumindest scheint er kein sicheres Mittel zum Töten von Fliegen zu sein. Dieser vermeintlichen Eigenschaft soll er ja seinen Namen zu verdanken haben. Um den lästigen Sechsbeinern zum Tode zu verhelfen, wurden ihnen gezuckerte Fliegenpilzstücke – mit Milch übergossen – zum Fraße hingestellt. Offenbar fallen die Fliegen irgendwann nach der Mahlzeit betäubt oder scheintot zu Boden. Wenn sie nicht zufällig in der Milch ertrinken, erholen sie sich nach einer gewissen Zeit und erfreuen sich nach dem Rausch wieder bester Gesundheit.

 

Der Fliegenpilz (Amanita muscaria) gehört in die Gattung der Knollenblätterpilze, zu denen auch der tödlich giftige Grüne Knollenblätterpilz und der essbare Perlpilz sowie der sehr giftige Pantherpilz zählen.  Als Symbiosepartner bildet er - wie ein großer Teil der anderen Pilzarten auch - mit vielen Laub- und Nadelbäumen eine so genannte Mykorrhiza (Pilzwurzel), über die das Myzel des Pilzes den Baum mit Wasser und Nährstoffen versorgt. Für das Wachstum der Bäume sind diese Symbiosebeziehungen außerordentlich wichtig. Besonders Pionierholzarten wie Birke und Kiefer profitieren davon.

 

Die Deutsche Gesellschaft für Mykologie hat den Fliegenpilz zum Pilz des Jahres 2022 erwählt.